Montag, 14. Januar 2019

Und wo war jetzt der Workshop?


Zertifizierung light? - Die GRETA-Kompetenzbilanzierung vielleicht doch noch nicht ganz ausgereift? Eindrücke von dem Greta-Workshop am 22. Juni 2018 in Soest.

„Und wo war jetzt der Workshop?“ Diese Frage ist ein wenig symptomatisch für den Eindruck, den die Greta-Roadshow in Soest hinterlies. Eine wichtige Teilnahme, denn bislang hat sich der T.O.C. e.V. keinen rechten Eindruck machen können von diesem Projekt, das mal als Zertifizierung, mal als Kompetenzbilanzierung bezeichnet wird.
Noch schwieriger wird es, wenn plötzlich die Begutachtung von Lehrenden Thema ist und im nächsten Moment die Begutachtung von Veranstaltungen und eine Reorganisation und Bilanzierung von Fortbildungsinstituten.
Kurz: Wer sich bislang mit dem Projekt noch nicht beschäftigte, dem wird es nicht leicht gemacht. Dieser Ferneindruck ließ sich in Soest eher bestätigen als wiederlegen. 

Was ist Greta?

GRETA ist ein vom Bildungsministerium gefördertes Forschungs- und Entwicklungsprojekt. Die Aktiven arbeiten seit 2014 daran, ein Anerkennungsverfahren für Lehrende zu entwickeln. Dieses Verfahren will die Kompentenzen von Lehrenden erfassen, daraus Standards entwickeln und dann in einem Beratungs- bzw. Validierungsprozess jedem interessierten Trainer, Dozenten, Referenten... die Möglichkeit geben, sich bilanzieren zu lassen.

„Was läuft aktuell?“

Aktuell ist die öffentliche Förderung diesen Projektes ausgelaufen. In der Endphase präsentierten die Projektverantwortlichen seit Mai die Ergebnisse ihrer Arbeit, und damit das entwickelte Kompetenzmodell, in öffentlichen „Workshops“ an verschiedenen Standorten. Der T.O.C. e.V.. hat in Soest an einer der letzten öffentlichen Präsentationen teilgenommen.

Wie sah der „Workshop“ aus?

Von 11:00 bis 15:00 war der „Workshop“ ausgeschrieben. Ein Zeitraum, der  für einen Workshop etwas knapp bemessen schien, aber praktisch ist, wenn man den Focus auf Alltagstauglichkeit legt: So braucht es keine Übernachtung. Es bleibt bei einer Tagesveranstaltung. Zu erwarten ist dann aber ein ziemlich vollgepackter Tag. So war es auch.
Ziemlich pünktlich begann es um 11:00 mit der Eröffnung durch das gastgebende Institut, die Supportstelle Weiterbildung im Tagungshaus der Qualitäts- und UnterstützungsAgentur - Landesinstitut für Schule in Soest. Bis zur Mittagspause folgte dann eine rund einstündige Präsentation des Projektes in Interviewform.
Um 13:00 starteten dann zwei parallele „Workshops“, in denen sich die Teilnehmer entweder über das Anerkennungsverfahren oder über die Einführung in die Praxis informieren konnten.
Und schließlich gab es eine rund halbstündige Diskussion zum Abschluss der Veranstaltung. 

Und was genau wurde entwickelt?

Entwickelt wurde das GRETA-Kompetenzmodell in Anlehnung an jene Kompetenzmodelle, die den Pisa-Reformprozess prägten, entwickelt nach Franz Weinert. Das vorliegende Modell versuchte zunächst einmal  zu erfassen, über welche Handlungskompetenzen professionell Lehrende verfügen sollten. Dies Kompetenzen bildet das Modell in einem Kompetenzkreis ab, der sich in vier Felder und drei Ringe gliedert.
Auf der Basis dieses Modells wurden dann de facto zwei Produkte entwickelt: erstens eine Kompetenzbilanzierung der Lehrenden (PortfolioPlus) und zweitens die Einordnung von Veranstaltungen innerhalb des Kompetenzmodells. Hierbei geht es darum, Veranstaltungen im Hinblick darauf, welche Kompetenzen sie fördern, einzuordnen. Es kann also als Steuerungsinstrument für Bildungsanbieter dienen. 

Angestestet wurde PortfolioPlus

In einer Testphase wurde vor allem das PortfolioPlus, also das Diagnosemodell für Lehrende ausprobiert, anscheinend mit positiver Rückmeldung, denn die identifizierten Kompetenzen deckten sich weitgehend mit den von den Probanten selbst wahrgenommenen und bestätigten wohl weitgehend das Selbstbild der Testpersonen.

Und warum das Ganze?

Der Ausgangspunkt ist sympathisch: Die vorgestellte Form der Kompetenzbilanzierung will den Lehrenden aber auch Auftraggebern, z.B. Instituten und Bildungseinrichtungen, Orientierung geben. Standards sollten ermöglicht werden, die eine Vergleichbarkeit im Know How der Lehrenden schaffen und damit auch allgemein zu einer Anerkennung der Qualifikation der Lehrenden führen. Vielleicht, so schimmert die Hoffnung der Initiatoren heraus, kann das auch zu einer Befreiung aus den prekären Arbeitsverhältnissen in weiten Teilen der Weiterbildung schaffen. 

Kritikpunkte

Das Ganze ist derzeit noch viel zu diffus und unsauber ausgerichtet, so der Eindruck. Man präsentiert ein Produkt, doch de facto sind es mehrere, derzeit zwei, potentiell drei. Da sind begriffliche Unsauberkeiten wie der Bezeichnung „Workshop“ für diese Präsentation. Erarbeitet wurde nichts, ergebnisoffen war auch nichts... Also war der Begriff „Workshop“ schlicht falsch gewählt, vielleicht weil er so schick ist? Gespielt mit dem Zielbegriff der „Anerkennung“ als Ziel/Sinn der Kompetenzbilanzierungen. Das suggeriert Nähe zu einer Zertifizierung. Dafür aber fehlen Know How und klare Standards.

Zielgruppe?

„Wer ist die Zielgruppe?“ - Anwort: „Alle Lehrenden... 530.000 derzeit statistisch geführte.“ Die Frage nach der Zielgruppe konnte also nicht wirklich beantwortet werden. Grundlage eines jeden Marketings ist eine Zielgruppendifferenzierung. Hier macht das Bildungsmarketing keine Ausnahme. Haben sich die Entwickler wirklich nicht mit Konkurrenzprodukten oder aktuellen Trends beschäftigt? Haben Sie nicht recherchiert, wie Bildungsanbieter ihre Qualität sichern und ihre TOC-Partner auswählen? Wäre es nicht wichtig zu klären, ob es Unterschiede in den Kompetenzen von Trainern, OrganisationsBeratern, Coaches, Dozenten, Referenten gibt? Passt das Modell auf alle? Gibt es zu identifizerende Unterschiede in den Benchmarks? Lassen sich Unterschiede feststellen zwischen z.B. formell ausgebildeten Lehrenden und nicht bzw. punktuell ausgebildeten? In der Roadshow blieb der Eindruck, man beschäftige sich damit nicht. Falls die Aktiven es nicht thematisieren wollten, haben Sie sich keinen Gefallen getan.

Was machen Sie anders?

Frage: "Wie grenzen sich die beiden Produkte von bestehenden Zertifizierungen ab? Was ist da angedacht?" - Antwort: "De facto nichts, darum könnten sich ja der T.O.C. e.V. und der DVWO e.V. kümmern." Das klingt wenig solide. 

Ein zarter Hauch von Schein statt Sein

Handwerklich wirklich sauber? Kompetenzen zu definieren, statt Wissensprüfung und Arbeitsprobe... Ist die heutige TOC-Qualifizierung nicht schon weiter? Bei aktuellen Ansätzen werden beide, Wissens- und Kompetenzbilanzierung miteinander kombiniert. In den Beschreibungen der GRETA-Kompetenzbilanzierung klingt es eher nach Bilanzierung auf der Grundlage von Selbstauskünften. Das wirkt eher wie eine Scheinzertifizierung.

Viel Geld für nichts?

Ein Preis von 500,-- Euro ist für einen VHS oder IHK-Trainer viel. Eine Refinanzierung erscheint aber wenig realistisch. Wo soll es herkommen, wenn Honorare nicht verhandelbar sind?
Annerkennung von Lehrqualifikationen erreicht man üblicherweise durch Standards, Zugangsbeschränkungen und differenzierte, durchdachte Angebote, nicht durch „nice-to-have“-Konzepte.


Damit wirkt die Kompetenzbilanzierung eher als ein Analysetool für Lehrende ähnlich wie sie auf der Basis von Persönlichkeitsmodellen z.B. DISG-Profile entwickelt werden.

Zukunftsperspektive?

Das Projekt hat tatsächlich Potential. Es könnte ähnlich wie ein Persönlichkeitsmodell eine Art Kompetenzenmodell für Lehrende sein. Als Diagnose- und Steuerungselement nicht schlecht. Doch bevor das tatsächlich Verbreitung finden könnte, müssten die Unklarheiten aufgearbeitet werden. Vielleicht stellt sich im Zuge der ARbeit heraus, daß eine Differnzierung z.B. der Lehrenden nach Coaching, Training, Seminardozent... irrelevant ist, da sich laut Analyse keine Unterschiede feststellen lassen. Doch das sollte dann als Ergebnis eines Validationsprozesses formuliert werden und nicht, weil es nicht bedacht wurde oder nicht bearbeitet werden soll, will, wird...
Jeder Lehrende muss hart für sein Geld arbeiten und wenn er es so investiert sollte er ein wirklich ausgereiftes Produkt mit klaren Profil, klarem Erkenntnisgewinn und klaren Refinanzierungsmöglichkeiten durch echte Wettbewerbsvorteile erhalten. Es gibt also noch Luft nach oben.

Autor: Claudia Grötzebach

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